Ulvi I. Aydin
Die Quantum-Redaktion im Gespräch mit dem Aufsichtsrat, Beirat und Excecutive Interim Manager Ulvi I. Aydin.
Ulvi, du schreibst von der „Gefahr, an Überfluss zu ersticken“. Wie erkennst du, ob Überangebot Innovation ermöglicht oder nur lähmt?
Oft ist das Maß an Ausprobieren der erste Indikator. Kreativität zeigt sich nicht in Aktionismus, sondern darin, ob tatsächlich Neues entsteht oder nur Varianten des Alten. Wann immer sich Teams im Kreis drehen und niemand mehr fragt: „Wofür eigentlich?“, ist der Kipppunkt erreicht. Überfluss wird dann zur Hypothek, wenn die Klarheit über den eigenen Wert verloren geht.
In deinem Bericht werden „Wohlfühlstrategien“ angesprochen. Wie schützt du dich selbst davor, den bequemen Weg zu gehen?
Ich zwinge meine Teams und mich, radikal die unbequemen Alternativen zu diskutieren, erst wenn alle versucht haben, ihren eigenen Ansatz zu zerstören, bin ich sicher, dass wir nicht im Gruppenkuscheln gelandet sind. Es braucht die Ehrlichkeit, auch selbst Fehlerkultur vorzuleben und Debatte zuzulassen, statt Harmonie um jeden Preis zu suchen.
Du betonst, „Restrukturierung ist Medizin, keine Kosmetik.“ Warum werden dennoch so oft kosmetische Maßnahmen bevorzugt?
Weil echte Restrukturierung wehtut und niemand Schmerzen mag, weder Manager noch Teams. Kosmetik bietet den Anschein von Handeln ohne echten Einschnitt. Aber der Markt erkennt rasch, ob die Kost eigens verschrieben oder nur Fassade ist. Kosmetik ist billiger, aber niemals heilsam.
Viele Unternehmen bewegen sich zwischen Turnaround und Kapitulation. Was unterscheidet für dich einen wirklich selbstbestimmten Wandel vom verzweifelten Reagieren?
Selbstbestimmter Wandel folgt einer Strategie, die klar benennt, welche Opfer nötig sind und warum. Verzweifeltes Reagieren hingegen ist ein endloses Nachbessern ohne Perspektive, quasi Überleben im Autopilot statt mutiges Navigieren. Das erkennt man an der Qualität der Diskussionen: Werden noch Grundfragen gestellt oder nur noch Löcher gestopft?
Du schreibst: „Schmerz ist ein Signal.“ Wann ist er sinnvoller Kompass, wann lähmt er Veränderung?
Schmerz ist nützlich, solange er zum Innehalten und Nachdenken zwingt. Er wird gefährlich, wenn man sich in ihm einrichtet, Opferhaltung oder endlose Debatten bringen niemanden weiter. Entscheidend ist, dass Schmerz zum Handeln, nicht zur Rechtfertigung führt.
Wie kann eine Führungskraft erkennen, was wirklich noch Wert schafft?
Radikal reduzieren: Welche Entscheidung kann ich nur mit diesem Menschen, diesem Meeting, dieser Information treffen und was ist nice-to-have? Alles Überflüssige muss weg. Wenn das Team ehrlich ist, genügt meistens die halbe Agenda, um doppelt zu erreichen.
„Life’s a bitch, so what?“, schreibst du. Wie bringst du Führungskräften bei, mit dieser Radikalität konstruktiv und nicht destruktiv umzugehen?
Indem ich sie immer wieder zwinge, sich von ihrem bisherigen Selbstbild zu lösen: Es geht nicht um Schuld, sondern um Zukunft. Wer Angst vor Veränderung hat, verliert automatisch; wer sie als Möglichkeit sieht, kann gestalten. Paradox: Je radikaler ich mich infrage stelle, desto leichter fällt der Neuanfang.
Bei all der Kritik, was stimmt dich in dieser Eskalationskaskade trotzdem optimistisch?
Erstaunlicherweise sind es die Menschen, die sich ehrlich trauen, anzupacken. Sobald Klarheit herrscht, warum Veränderung wirklich nötig ist, entwickelt sich enorme Energie. Ich sehe oft, dass gerade im größtmöglichen Druck die besten Teams entstehen und Unternehmen ihre wahre Innovationskraft entdecken, wenn sie bereit sind, Ballast gnadenlos abzuwerfen und mit neuem Denken zu starten.
Ulvi, vielen Dank für das Interview.
Den Bericht zum Interview lesen Sie hier: https://quantum-magazin.com/ulvi-i-aydin-der-einzige-weg-aus-der-krise