Dietmar Koch
Ist Führung reine „Kopfarbeit“?
Führung wird auch heute noch häufig als ein kognitiver Prozess betrachtet: analysieren, planen, entscheiden. Das sogenannte „kartesianische Erbe“ (Hochhalten der Vernunft, dualistisches Weltbild/Körper versus Geist, sowie Wertschätzung von intellektueller Klarheit als Wahrheitskriterium) durchzieht bis heute nicht nur die Managementliteratur, sondern ist tief verwurzelt in westlicher Philosophie und Wissenschaft.
Erkenntnisse aus Neurobiologie und Hirnforschung der letzten 20 Jahre setzen sich nur langsam durch. So wird es häufig immer noch als „unprofessionell“ oder Schwäche angesehen, auf Emotionen und körperliche Signale zu achten, ganz zu schweigen davon, diese Signale in Entscheidungsprozesse einzubeziehen.
Auch durch die zunehmende Technologisierung und Digitalisierung, sowie durch den steil ansteigenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) wird der körperliche Aspekt der Entscheidungsfindung im Führungsalltag weiter zurückgedrängt.
Das dreifache Problem
Um in VUKA[1]- und BANI[2] -Welten bestehen zu können und zukunftsfähige Lösungen zu finden, reicht reine Logik häufig nicht mehr aus. Gerade in agilen Umfeldern hilft Logik nicht weiter und bei KI besteht in Bezug auf Menschen, echte Empathie und Vertrauen noch deutlicher Entwicklungsbedarf, ungeachtet der Frage, ob dies überhaupt gewollt und zielführend wäre.
Gleichzeitig weisen eine stetig steigende Burn-out-Quote und die in den jährlichen Krankenkassenreports berichtete Zunahme von Krankentagen aufgrund psychischer Belastungen deutlich auf die Grenzen eines einseitigen und „kopflastigen“ Fokus hin.
Mentale Überforderung ist heute Normalzustand und die Herausforderung, mental und körperlich gesund zu bleiben und gleichzeitig Lösungen zu liefern in herausfordernden VUKA- und BANI-Welten, ist drängender denn je.
Aktuell werden die Erkenntnisse der Neurobiologie und Hirnforschung noch nicht flächendeckend im Management genutzt: ganzheitlicher Umgang mit dem eigenen Körper (und Geist), das Wissen, wie mein Nervensystem reagiert und der souveräne Umgang damit, sowie das Heben des im Körper gespeicherten Erfahrungsschatzes:
All das birgt ein riesiges Zukunftspotenzial, das insbesondere Menschen in Führungspositionen benötigen, um ihrer verantwortungsvollen Rolle gerecht werden zu können.
Die biologische Basis von Leadership
Lernen und das Abspeichern von Wissen sind körperbasiert und finden nicht nur „im Kopf“ statt. Egal ob glückliche oder negative[3] Erfahrungen, der Körper ist immer dabei. Jede erlebte Situation fordert das Nervensystem und das Nervensystem reagiert entsprechend mit seinen drei möglichen Zuständen[4]:
- Zustand 1: „Normalzustand“ (stressfrei), in dem ich mich wohlfühle,
mit Zugriff auf alle, insbesondere auch meine kognitiven Ressourcen - Zustand 2: „Kampf/Flucht“-Modus bei negativem Stress, mit
eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten („Stress macht dumm,
zumindest temporär“) - Zustand 3: „Erstarrung“, keine Handlungsmöglichkeit, Inaktivität.
Gute Führung findet immer im Zustand 1 statt!
Bin ich mir als Führungskraft nicht bewusst, dass ich mich nicht mehr in Zustand 1 befinde, fälle ich suboptimale Entscheidungen, die weit unter meinen Möglichkeiten liegen, und verhalte mich ggf. in einer Art und Weise, die mir selbst fremd ist (z.B. nicht wertschätzende Kommunikation).
Möglich sind auch komplette Fehlentscheidungen mit fatalen Auswirkungen: Hintergrund ist, dass der präfrontale Kortex (der Hirnbereich, der für das logische Denken zuständig ist) im Zustand 2 und 3 heruntergefahren ist und der Zugriff darauf temporär getrennt wurde, z. B. auch durch verminderte Durchblutung.
Was ich als Führungskraft also benötige, ist:
Achtsamkeit, oder man könnte auch sagen „Körperbewusstsein“:
in welchem Zustand befindet sich gerade mein Nervensystem?
Falls ich aus Zustand 1 abgerutscht bin, benötige ich entsprechende körperbasierte Methoden, die mich möglichst schnell in den Zustand 1 zurückbringen.
Warum „körperbasierte“ Methoden? Weil ich den Körper jetzt effektiv nutzen kann, mit „Bottom-up-Techniken“, um rasch und effektiv mein Nervensystem zu regulieren. Insbesondere aber auch, weil mein Kopf gerade im „Ausnahmezustand“ ist, ist von ihm jetzt keine Hilfe zu erwarten!
Embodied Leadership: Den Körper als Partner nutzen
Wenn ich meinen Körper als „Partner“ ansehe, der seine eigene Dynamik hat, die ich vielleicht (noch) nicht verstehe, aber respektiere und achtungsvoll mit ihm umgehe, dann eröffnet sich mir ein Raum von ungeahnten Möglichkeiten:
In Stresssituationen, in denen mein logisches Denken/mein präfrontaler Kortex mich im Stich lässt, kann ich mich mit „Bottom-up-Techniken“ in den Zustand 1 zurückholen, in dem ich wieder handlungs- und steuerungsfähig werde mit allen meinen Kompetenzen als Führungskraft, meinem kompletten Wissen und all meiner intuitiven und logischen Kraft.
„Bottom-up-Techniken“ nutzen den „aufsteigenden“ Teil des Nervensystems vom Körper zum Gehirn. Häufig verwendete und effektiv wirkende Methoden beziehen die Organe/Teile des Körpers mit ein, auf die wir Einfluss nehmen können, z.B.:
die Lunge → Atmung/Atemübungen (z.B. die 4711-Technik[5] );
die Haut → Tapping-/Klopftechniken[6,7,8]
Die starke Wirksamkeit solcher Techniken lässt sich messen und nachweisen (z.B. durch ein Absinken des Cortisolspiegels).
Körperhaltung verändert Psyche[9]: Durch die Veränderung meiner Körper- oder Sitzhaltung (z.B. aufrecht gehen oder sitzen) kann ich Einfluss nehmen auf meinen emotionalen Zustand. Auch hier ist ein bewusstes Wahrnehmen der Interaktion mit meinem Körper hilfreich.
Co-Regulation: Bin ich selbst entspannt, strahle ich diese Entspanntheit nach außen aus: Mittels Spiegelneuronen[10], die für die Empathiefähigkeit zuständig sind, spüren die Menschen in meiner Umgebung intuitiv meine Gefühlszustände als Führungskraft. Innere Ruhe schlägt sich in körperlichem Ausdruck nieder, der ein ganzes Team beruhigen kann.
Umgekehrt nehme ich mehr wahr, was um mich herum in meinem Team passiert, wenn ich auf meine eigenen körperlichen Empfindungen achte und erkenne z.B. Teamdynamiken (auch unabhängig von Sprache) wesentlich schneller.
Mein Körper ist schneller als mein Verstand: Mein Körper und mein Nervensystem nehmen gesamthaft alles im Raum gleichzeitig auf: als Bild, Empfindung, Gefühl, das ggf. (noch) nicht in Worte zu fassen ist. Darauf sind der Körper und das Gehirn seit Urzeiten programmiert: die sofortige Einschätzung der Situation in Nichtgefahr/Gefahr mit sofortiger Reaktion des Nervensystems. In früheren Zeiten war dies eine der wichtigsten Überlebensfunktionen und stellt sozusagen eine „Parallelverarbeitung“ sämtlicher Informationen dar, was deutlich schneller ist als logisches, sequenzielles Denken.
Die Erfahrungsquelle und das intuitive Wissen des Körpers „anzuzapfen“ und zu nutzen, bedarf Übung: Was möchte mir mein Körper sagen? Wie gehe ich mit diesen Empfindungen zieldienlich um? Wie reguliere ich mein Nervensystem auch unter Stress, um die kognitiven Funktionen (das Frontalhirn) wieder „auf die Straße zu bringen“ und die komplette Synergie von Körper und Psyche zu nutzen? Wichtig hierbei: Die älteren Hirnregionen (Stamm- und Mittelhirn) sprechen in Bildern und Emotionen, nicht in Worten! Der kognitive Reflexionsprozess benötigt Zeit und setzt erst zeitversetzt ein.
Vermeidung von Burn-out: Körperbewusstsein und der achtsame Umgang mit den Signalen des Körpers (gerade in herausfordernden und stressigen Zeiten) helfen mir, auf Alarmzeichen zu achten und proaktiv Burn-out zu vermeiden.
Menschen mit Burn-out haben in der Regel über Jahre die Hinweise ihres Körpers ignoriert und haben über ihre körperlichen und mentalen Kräfte gelebt, aus guten Gründen, aber zulasten ihres Körpers. Eine lang anhaltende Stressphase mit dauerhaft erhöhtem Cortisolspiegel im Blut führt zwar in der Anfangsphase zu hoher Leistungsfähigkeit, endet aber in einem abrupten Zusammenbrechen des Stresssystems und der damit verbundenen Körperfunktionen. Der Körper möchte sich sozusagen wieder zurückholen, was er über lange Zeit verausgabt hat. Für diesen Regenerationsprozess sind medizinische und psychologische Hilfe notwendig, oftmals mit stationärem Aufenthalt in einer Fachklinik[11].
Praxis-Transfer: Was das für den Führungsalltag bedeutet
Check-ins mit sich selbst: Kurze körperliche Inventur vor, in und nach wichtigen Meetings und Situationen (z. B. Puls, Anspannung, Standfestig-
keit): Was sagt mir mein Körper? Wie fühle ich mich? Was benötige ich?
Pausenmanagement/ sind alle Hirnbereiche mit an Bord? Einsatz von kurzfristig und effektiv wirkenden Embodimentmethoden gerade in Anspannungs- und Stressphasen: Es geht erst weiter, wenn der kognitive Bereich des Gehirns (präfrontaler Kortex) wieder mit an Bord ist!
Micro-Rituale: Mit kleinen physischen Justierungen (Bottom-up-Techniken) die kognitive Klarheit erhalten, auch bei langen Board-Meetings.
Präsenz, Raumwirkung und bewusster Einsatz von Körpersprache: Führung findet im Raum statt. Körperhaltung, Gestik, Mimik, Atmung und Muskeltonus des „Senders“ bestimmen darüber, ob eine Botschaft Sicherheit oder Unsicherheit auf der „Empfängerseite“ vermittelt. Die komplette und authentische Wirkkraft wird erst mit einem gesamthaften Auftritt erreicht!
Interozeption: Führungskräfte mit hoher Körperwahrnehmung treffen statistisch valide Entscheidungen in komplexen Situationen, da sie feine physiologische Stresssignale (somatische Marker) deuten können.
Fazit: Die Führungskraft als ganzer Mensch
Die Re-Integration des Körpers ist kein „Esoterik-Trend“, sondern biologische Notwendigkeit für gesunde Hochleistung, gerade in herausfordernden VUCA- und BANI-Zeiten.
Gesundheit und physische Präsenz sind als strategische Ressource im Unternehmen zu verankern durch Führungskräfte, die als Vorbilder authentisch wirken. Gerade in Zeiten von KI wird die rein menschliche Komponente – die physische Präsenz und Empathie – zum wichtigsten Alleinstellungsmerkmal von Führungskräften.
Führung im 21. Jahrhundert erfordert mehr als intellektuelle Brisanz: Wer in volatilen Märkten bestehen will, muss seinen Körper als Frühwarnsystem und Resilienz-Anker begreifen. Die Integration von Körper und Geist ist kein Soft-Skill, sondern die nächste Stufe der Professionalisierung im High-Performance-Bereich.
Anmerkungen
1 – Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität
2 – Brittle (brüchig), Anxious (ängstlich), Non-linear (nicht-linear), Incomprehensible (unbegreiflich)
3 – siehe zum Beispiel: Bessel van der Kolk „Verkörperter Schrecken“ bei traumatischen Erfahrungen
4 – Stephen W. Porges: „Die Polyvagaltheorie“ und „Neurozeption“
5 – 4711-Atemtechnik: 4 Sekunden lang durch die Nase einatmen, 7 Sekunden lang durch den Mund ausatmen und dies 11 Mal
wiederholen (die verlängerte Ausatmung wirkt auf das parasympathische Nervensystem -> beruhigend)
6 – Eine wissenschaftlich fundierte Klopftechnik ist PEP®: Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie von Dr. Michael Bohne
7 – Prof. Martin Grunwald: „Homo Hapticus: Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können“
8 – Antonia Pfeifer: „Emotionale Erinnerung- Klopfen als Schlüssel für Lösungen“
9 – Storch, Hüther, Cantieni, Tschacher: „Embodiment: Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen“
10 – Prof. Joachim Bauer: „Warum ich fühle, was Du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone“
11 – z.B. sysTelios Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Siedelsbrunn