Ulvi I. Aydin
Wie ein Unternehmen 100 Millionen verlor, aber genau dadurch Charakter zeigte.
Ein Medikament, sieben Tote, kein Produktionsfehler, keine juristische Schuld und trotzdem der radikale Rückruf von 31 Millionen Packungen: In den frühen Achtzigern entschied ein US‑Konzern, Prinzipien über Profit zu stellen.
Good Governance zeigt sich genau in diesen Momenten, in denen kein Gesetz und kein Gericht zum Handeln zwingt. Unternehmen, die dann trotzdem Verantwortung übernehmen, investieren nicht in Image, sondern in Vertrauen, Berechenbarkeit und innere Stabilität.
Wer Führung ernst nimmt, braucht mehr als Compliance-Handbücher: einen persönlichen Kodex, der Entscheidungen auch dann begrenzt, wenn Ego, Bonus und kurzfristiger Erfolg etwas anderes wollen.
Als ein Konzern entschied, wer er sein wollte
Herbst 1982, Chicago. Innerhalb weniger Tage sterben sieben Menschen, darunter ein zwölfjähriges Mädchen, nachdem sie das schmerzlindernde Medikament „Tylenol“ eingenommen haben. Die Ermittlungen ergeben:
Die Kapseln wurden im Einzelhandel manipuliert, mit Zyankali versetzt. Kein Produktionsfehler also, kein Qualitätsversagen, keine interne Schlamperei. Die Tat geschah außerhalb der Kontrolle des Herstellers Johnson & Johnson.
Juristisch trug das Unternehmen keine Schuld. Kein Gesetz verpflichtete es zu Maßnahmen. Kein Gericht forderte Entschädigungen. Die Geschäftsführung hätte sich zurücklehnen, Bedauern ausdrücken und auf Ermittlungen verweisen können. Sie hätte die Verantwortung elegant delegieren können: an Täter, Händler, Umstände.
Stattdessen geschah etwas anderes: Unter der Leitung von CEO James E. Burke reagierte Johnson & Johnson unmittelbar und radikal. Das Unternehmen rief landesweit rund 31 Millionen Packungen zurück – ein finanzieller Verlust von über 100 Millionen US-Dollar, in damaliger Kaufkraft eine gewaltige Summe. Gleichzeitig warnte man öffentlich über alle Medienkanäle vor dem Konsum des Produkts.
Keine Beschwichtigung, kein Abwiegeln, keine Nebelkerzen. Und dann kam der entscheidende Schritt: Innerhalb weniger Monate wurde Tylenol in einer weltweit neuartigen, dreifach versiegelten, manipulationssicheren Verpackung wieder eingeführt. Zusätzlich ersetzte man die leicht zu öffnenden Kapseln durch feste Caplets, um zukünftige Manipulationen erheblich zu erschweren.
Prinzipien sind kein Luxus – sie sind Identität
Johnson & Johnson handelte nicht aus Zwang. Es handelte aus einem Prinzip. Das unternehmenseigene Credo stellte die Verantwortung gegenüber Kunden über die Interessen der Aktionäre. Und in diesem Moment wurde aus einem Unternehmensleitbild gelebte Realität. Das ist Good Governance! Nicht als Schlagwort. Sondern als Entscheidung unter Druck.
Viele Unternehmen haben heute Leitbilder, Wertekanons, Ethikrichtlinien. Sie klingen hervorragend. Doch die entscheidende Frage lautet: Was passiert, wenn diese Werte Geld kosten?
Prinzipien sind nur dann Prinzipien, wenn sie auch dann gelten, wenn sie unbequem sind. Wenn sie den Gewinn schmälern. Wenn sie die Geschwindigkeit reduzieren. Wenn sie interne Konflikte auslösen. Alles andere ist leeres Marketing. Der Tylenol-Fall zeigt, was ein Prinzip bedeutet.
Es ist eine Entscheidung, die nicht durch juristische Minimalanforderungen definiert wird, sondern durch Selbstverpflichtung. In der Managementpraxis erlebe ich häufig das Gegenteil: Werte werden formuliert, aber sie bleiben abstrakt. „Kunde im Mittelpunkt“ heißt in der Realität oft: solange es die Marge nicht gefährdet. „Integrität“ bedeutet: Solange es keine Nachteile bringt. Das ist keine Führung. Das ist Opportunismus in gepflegter Sprache! Und damit: Bullshit!
Der persönliche Kodex: Führung beginnt innen
Ein Unternehmen kann nur so prinzipientreu sein wie seine Führung. Deshalb braucht jeder Manager einen persönlichen Kodex, einen „Code of Conduct“, als inneren Maßstab. So ein Kodex bedeutet Selbstbindung. Und Selbstbindung wird oft missverstanden: Sie wird als Einschränkung gesehen, als Verlust von Flexibilität. Tatsächlich ist sie das Gegenteil.
Wer sich selbst Grenzen setzt, bleibt souverän. Wer keine inneren Grenzen kennt, wird irgendwann von äußeren Grenzen gestoppt. Wenn Führungskräfte keinen klaren inneren Maßstab haben, reagieren sie erratisch. Heute großzügig, morgen kompromissbereit, übermorgen kompromisslos, je nach Druck, Bonusziel oder öffentlicher Wahrnehmung. Diese Form der Situationsethik wirkt pragmatisch, zerstört aber langfristig Vertrauen.
Der Philosoph Immanuel Kant formulierte diesen Grundgedanken in seinem „kategorischen Imperativ“ schon vor Jahrhunderten: Handle nur so, dass dein Verhalten als allgemeine Regel taugen würde. Übersetzt ins Management heißt das: Würden Sie akzeptieren, dass alle Marktteilnehmer genauso handeln wie Sie?
Wenn Sie bewusst Informationen zurückhalten, um Vorteile zu erzielen, wollen Sie, dass Ihre Zulieferer das auch mit Ihnen tun? Wenn die ehrliche Antwort „nein“ lautet, dann wissen Sie, dass Ihr Verhalten nicht auf Prinzipien beruht, sondern auf kurzfristigem Vorteil. Ein Kodex zwingt zur Selbstprüfung vor der Entscheidung – und nicht erst nach dem Skandal. Daran sieht man auch, dass der aktuelle US-amerikanische Präsident keine Prinzipien hat.
God bless America!
Good Governance ist ein Produktivitätsfaktor!
Wer keine Prinzipien hat, wird kein Vertrauen aufbauen können. Weder bei Mitarbeitern noch bei Kunden. Und Vertrauen ist ein wichtiger Markenwert, ökonomisch messbar. Es reduziert Kontrollaufwand. Es verkürzt Entscheidungswege. Es minimiert Absicherungsmechanismen. Fehlt Vertrauen, steigen die Transaktionskosten. Verträge werden länger. Abstimmungsrunden zahlreicher. Compliance-Strukturen komplexer.
Jede einzelne Maßnahme scheint rational, doch in Summe entsteht nur Aufwand. Und Aufwand bedeutet Zeit, Zeit bedeutet Geld und so weiter und so fort. Good Governance ist daher kein moralischer Luxus, sondern ein Produktivitätsfaktor!
Ein Unternehmen mit klaren Prinzipien benötigt weniger interne Sicherungsschleifen und weniger Bürokratie, weil sein Verhalten berechenbar ist. Mitarbeiter wissen, woran sie sind. Partner kennen die Grenzen.
Investoren erkennen Stabilität. Mahatma Gandhi formulierte es treffend: „Geschäfte ohne Gewissen sind keine Geschäfte.“ Das klingt moralisch, ist aber ökonomisch präzise. Ein Geschäft ohne Gewissen zerstört Vertrauen. Und ohne Vertrauen verliert ein Unternehmen an Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit!
Prinzipien zeigen sich im Detail
Good Governance ist kein Konzept für Krisensituationen allein. Sie zeigt sich auch im Alltag. Ein Unternehmen, das „Kunde zuerst“ propagiert und gleichzeitig die besten Parkplätze für die Geschäftsführung reserviert, sendet ein fatales Signal. Symbolik prägt Kultur. Wenn Hierarchie sichtbar wichtiger ist als Kundenorientierung, dann ist das Leitbild entkoppelt von der Realität – und das Unternehmen prinzipienlos!
Oder denken Sie an eine Messe: Ein Key-Account-Manager spricht mit dem Geschäftsführer, ein Kunde tritt an den Stand. In einem Unternehmen mit klaren Prinzipien endet das Gespräch sofort, und der Kunde erhält Priorität. Nicht aus Unterwürfigkeit, sondern aus Klarheit. Wo Hierarchie wichtiger ist als der Kunde, fehlen Prinzipien.
Charakter als letzte Instanz
Solche Details mögen banal erscheinen. Sie sind es nicht! Sie sind Ausdruck dessen, was tatsächlich gilt. Und wenn Sie als Manager glauben, solche Dinge seien Nebensache, dann haben Sie Führung nicht verstanden. Dann verwalten Sie Titel, aber keine Verantwortung. Dann predigen Sie Werte und leben Bequemlichkeit.
Und dann brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn Ihre Organisation irgendwann genauso prinzipienlos agiert wie Sie selbst.
Denn am Ende ist Charakter mit klaren Prinzipien die letzte innere Distanz zwischen Macht und Missbrauch. Systeme können versagen, Kontrollen können umgangen werden, Prozesse können kreativ interpretiert werden – aber ein gefestigter Charakter setzt sich selbst Grenzen, bevor es andere erledigen müssen. Diese innere Distanz, dieses bewusste Innehalten vor der Entscheidung, ist das unsichtbare Sicherheitsnetz jeder Organisation.
Kill your Ego!
Good Governance scheitert selten am System. Sie scheitert am Ego. Je höher eine Führungskraft steigt, desto gefährlicher wird ihr Selbstbild. Erfolg verstärkt Selbstgewissheit. Macht verstärkt Unangreifbarkeit. Applaus erzeugt ein verzerrtes Realitätsgefühl. Wer jahrelang befördert, gefeiert und bestätigt wird, beginnt irgendwann zu glauben, er sei nicht nur erfolgreich, sondern überlegen. Und wer sich für überlegen hält, hält Regeln für verhandelbar. Genau hier beginnt der Verfall.
Es sind nicht die spektakulären, kriminellen Entscheidungen, die Governance zerstören. Es sind die kleinen, rationalisierten Ausnahmen. Die bewusste Informationszurückhaltung. Das stille Dulden von Grenzüberschreitungen, solange die Zahlen stimmen. Das Ego findet immer Argumente. Es tarnt Opportunismus als Pragmatismus.
Es verkauft Regelbrüche als Flexibilität. Es nennt Selbstüberschätzung „Vision“. So entsteht eine gefährliche Spirale: Erfolg verstärkt Ego, Ego schwächt Selbstkontrolle, geschwächte Selbstkontrolle erzeugt riskantere Entscheidungen.
Die stärksten Führungskräfte haben Disziplin!
Good Governance ist genau dafür da, das Ego zu begrenzen. Nicht das System muss zuerst kontrolliert werden, sondern der Entscheider selbst. Ein persönlicher Kodex ist nichts anderes als ein Gegengewicht zum eigenen Selbstbild. Wer ihn hat, hat Disziplin.
Und: Die stärksten Führungspersönlichkeiten sind jene mit der größten inneren Disziplin. Sie wissen um ihre Wirkung. Sie wissen um die Versuchung der Macht. Und sie wissen, dass Größe nicht darin besteht, sich über Regeln zu stellen, sondern sich an sie zu halten.
Im Grunde ist das keine neue Erkenntnis. Schon die Zehn Gebote waren nichts anderes als ein klarer, kompromissloser Prinzipienkatalog, der Macht, Besitz und Begehren Grenzen setzte, lange bevor es Governance-Handbücher und Compliance-Abteilungen gab. Keine klaren Prinzipien an der Spitze, bleibt es Fassade. Charakter zeigt sich, wenn eine Entscheidung auch mal kurzfristige Nachteile bringt. Wenn niemand hinsieht!
Zum Schluss – Wer wollen Sie sein?
Der Tylenol-Fall ist ein Prüfstein für Führung mit Wertekodex. Er zeigt, dass Prinzipien nicht nur moralisch richtig, sondern strategisch klug sind. Good Governance ist die Grundlage nachhaltiger Führung. Wer Prinzipien lebt, baut Vertrauen auf. Wer sie opportunistisch auslegt, baut Misstrauen auf. Und am Ende wird nicht gefragt, wie perfekt das Leitbild formuliert war, sondern ob danach gehandelt wurde.
4 Fälle, in denen Governance mehr war als Papier
Starbucks: Eine Filiale,
ein Video, 8.000 Stores zu
Philadelphia, April 2018: Zwei schwarze Männer warten in einem Starbucks auf einen Geschäftspartner, bestellen noch nichts, werden vom Personal als „auffällig“ gemeldet und schließlich von der Polizei abgeführt.
Das Handyvideo geht viral, der Vorwurf: rassistische Diskriminierung im Alltag. Juristisch hätte Starbucks den Fall leicht als „Einzelfall“ einordnen können.
Stattdessen schließt das Unternehmen in den USA rund 8.000 Filialen für einen Nachmittag und schickt etwa 175.000 Mitarbeitende in ein Anti‑Bias‑Training. Der Schritt kostet Umsatz und provoziert Kritik – von „Show“ bis „übertrieben“.
Aber Governance passiert hier nicht im Handbuch, sondern im operativen Risiko: Ein Konzern akzeptiert einen messbaren Verlust, um klarzumachen, welches Verhalten zur eigenen Marke gehört und welches nicht.
H&M: Menschenrechte trotz Boykott
Als H&M öffentlich erklärt, keine Baumwolle aus Xinjiang mehr beziehen zu wollen und sich von Zwangsarbeit zu distanzieren, wirkt der Schritt zunächst abstrakt – ein weiterer Menschenrechts‑Passus in einer Lieferkettenpolitik. Dann folgen Boykottaufrufe in China, Produkte verschwinden von Plattformen, Stores stehen unter Druck.
H&M hätte den Konflikt einhegen, Statements relativieren oder still zurückrudern können. Das Unternehmen verweist stattdessen weiter auf Sorgfaltspflichten, internationale Standards und die eigenen Richtlinien zu Menschenrechten.
Der Preis ist spürbar, vor allem in einem wichtigen Wachstumsmarkt. Doch genau hier zeigt sich Governance: Wenn der Verweis auf Menschenrechte plötzlich nicht mehr Marketing, sondern Geschäftsrisiko ist.
Alibaba: Null Toleranz als Testfall
In einem Alibaba‑Team erhebt eine Mitarbeiterin schwere Vorwürfe sexueller Belästigung gegen einen Manager, der Fall wird öffentlich, die Wahrnehmung: mächtiger Konzern, schwache Schutzmechanismen.
In vielen Unternehmen landen solche Fälle in internen Untersuchungen mit vertraulichen Vergleichen. Alibaba wählt einen anderen Weg: Der Manager wird nach interner Prüfung entlassen, das Unternehmen entschuldigt sich öffentlich bei der Betroffenen und verschärft Richtlinien gegen sexuelle Belästigung.
Die Führung kündigt an, klare Beschwerdewege und Schulungen zu etablieren und macht den Fall zum Anlass, die eigene Kultur zu adressieren. Governance heißt hier: Nicht nur Compliance‑Paragrafen vorweisen, sondern bereit sein, Führungskräfte zu verlieren, wenn sie gegen die eigenen Standards verstoßen.
Zoom: Feature‑Stopp statt Wegducken
Als Zoom während der Pandemie explodiert, kommen die Sicherheitsprobleme gleich mit: „Zoom‑Bombing“, Kritik an Verschlüsselung, Datenschutzfragen. Das Unternehmen könnte das als Wachstumsnebenwirkung abtun, kleinere Patches liefern und weiter auf neue Funktionen setzen.
Stattdessen verhängt Zoom einen 90‑Tage‑Feature‑Stopp und fokussiert sich vollständig auf Sicherheit und Privacy. Externe Experten werden eingebunden, Roadmaps werden umgestellt, Schwachstellen öffentlich adressiert. In einer Phase maximaler Nachfrage bremst das Unternehmen sich selbst aus, um die Grundlage – Vertrauen in die Plattform – zu stabilisieren. Governance zeigt sich hier als bewusste Priorisierung: erst Robustheit, dann Wachstum.
Governance-Check für Entscheider
Führung scheitert selten an Prozessen, meistens am Selbstbild derer, die entscheiden. Dieser Check ist ein kurzer Belastungstest für Charakter und Governance.
- Würde ich diese Entscheidung auch treffen, wenn sie nie öffentlich wird und niemand mir applaudiert?
- Käme ich mit dieser Entscheidung klar, wenn ein direkter Wettbewerber sie genauso trifft – auf meine Kosten?
- Verteidige ich hier wirklich ein Prinzip oder in Wahrheit meinen Status, meine Eitelkeit, meinen Bonus?
- Könnte ich diese Entscheidung meinem Team als Vorbild verkaufen, ohne mich in Relativierungen zu flüchten?
- Lässt sich mein „Warum“ in einem klaren Satz erklären – ohne PowerPoint, ohne Nebelkerzen, ohne PR-Sprech?
- Müsste ich meinen persönlichen Kodex umschreiben, damit diese Entscheidung hineinpasst?
- Würde ich wollen, dass meine Kinder später erfahren, dass ich genauso entschieden habe?
Wenn Sie bei diesem Ego‑Check mehrfach ins Stocken geraten, ist das ein Warnsignal und ein Arbeitsauftrag an Sie selbst.
- Schreiben Sie Ihren persönlichen Kodex auf eine Seite: drei Prinzipien, drei rote Linien, drei No‑Gos – konkret, ohne Floskeln.
- Suchen Sie ein Gegenüber, das Ihnen nicht verpflichtet ist (Beirat, Sparringspartner, Executive Companion) und gehen Sie diese Entscheidungen radikal ehrlich durch.
- Legen Sie fest, welche Entscheidung Sie
morgen anders treffen werden und kommunizieren Sie diese Korrektur bewusst im eigenen
Führungskreis, als Signal für gelebte Good Governance.