Verena Lienhardt
MEHR DENKPAUSEN, WENIGER REFLEXE!
Der Schlüssel für Leadership-Entscheidungen in bewegten Zeiten.
„Geistige Klarheit, innere Ruhe und Mut entstehen in der Art, wie Sie mit sich selbst umgehen. Sie wachsen dort, wo Sie bewusst Pausen schaffen, Ihren Kopf entlasten und Erfahrungen reflektieren, statt Entscheidungen im Dauermodus zwischen Mails, Meetings und Druck zu treffen.“
Die Welt ist im Umbruch. Es herrscht Unsicherheit. Keine leichten Zeiten, vor allem für Menschen mit Führungsverantwortung. Prognosen sind schwer – keiner hat die Glaskugel. Strategische Ausrichtungen werden dennoch gefordert und Entscheidungen sollen trotzdem getroffen werden.
Aber wie?
Im vergangenen Mai war ich in der Toskana. Raus aus meinem gewohnten Kontext, raus aus Routinen, die Sicherheit geben – und zugleich den Blick verengen. Ich ritt mit den Butteri, den traditionellen Cowboys dieser Region, und begleitete sie bei ihrer Arbeit mit den majestätischen weißen Kühen und Stieren.
Die Butteri sind Menschen mit einer außergewöhnlichen Präsenz: aufrechte Körperhaltung, ruhige Bewegungen, klare Gesten. Stolz – nicht aufgesetzt, sondern authentisch. Schon nach kurzer Zeit wurde mir klar: Hier geht es nicht in erster Linie ums Reiten. Und ein Butteri brachte es auf den Punkt: „Es geht immer um die Haltung.“
Aufrecht sitzen. Hände ruhig. Knie offen. Nicht verkrampfen, aber auch nicht nachlässig werden. Spannung dort, wo sie gebraucht wird – und Loslassen im richtigen Moment. Das Pferd mit den Kühen selbst arbeiten lassen.
Vorausschauend minimal zu justieren, statt es kontrollieren zu wollen.
Keine Dominanz, sondern ein Miteinander. Dabei sind neben der äußeren die innere Haltung ausschlaggebend. Die Mitarbeiter der Butteri – die Pferde – reagieren nicht auf Worte, sondern auf innere Zustände. Unruhe, Zweifel oder innere Zerrissenheit werden sofort gespiegelt.
Auch Menschen glauben eher dem Körper ihres Gegenübers als den Worten – vor allem, wenn Worte und Körpersprache nicht übereinstimmen (7 % verbal, 38% paraverbal und 55 % nonverbal). Was also im Sattel gilt, gilt auch für Führung – und für Entscheidungen.
Der innere Kompass bei äußeren Wirren
Haltung wird oft mit Meinung verwechselt. Oder mit Prinzipientreue. Doch echte Haltung ist kein starres Konstrukt. Sie ist beweglich, aufrichtig und klar. Sie gleicht weniger einem Felsen als vielmehr einem gut ausbalancierten Körper. Wer Haltung hat, bleibt in Bewegung, ohne sich zu verlieren.
Ich denke dabei an das Ballett. Absolute Körperspannung bei gleichzeitiger Leichtigkeit. Präzision, Disziplin, Eleganz. Wer zusieht, unterschätzt schnell die Kraft, die es braucht, mühelos zu wirken. Genau diese Qualität ist auch bei Führung und Entscheidungen gefragt: innere Stabilität, die äußere Bewegung und Flexibilität ermöglicht.
Innere Unordnung kostet Energie. Unnötig viel Energie. Gedanken kreisen, Gefühle überlagern sich, Entscheidungen werden vertagt oder vorschnell getroffen. In einer Zeit, in der Szenarien für 2026 immer komplexer werden, reicht es nicht, nur analytisch zu denken. Es braucht eine innere Stabilität als Gegenpart zu den äußeren Wirren.
Für Führungskräfte heißt das: Die Qualität der Entscheidungen hängt weniger von der Menge der Informationen ab als von der inneren Haltung, mit der sie verarbeitet werden. Es braucht einen inneren Kompass. Doch wo findet man ihn?
Ruhe im Kopf
Es beginnt im Kopf. Mit einem gesunden Geist. Er ist ein Zustand von Klar
heit. Ruhe im Kopf ist vielleicht das größte Geschenk, das wir uns selbst und anderen machen können. Denn aus ihr entstehen Fokus, Weitsicht und Wirk-
samkeit. Es gilt also, den Geist zu pflegen, oder wie Frank Berzbach schreibt:
„Würden wir einen Bruchteil der Energie, die wir auf die Pflege unserer Autos, Gärten und Wohnungen verwenden, für die Pflege unserer wirren Gedanken und Gefühle einsetzen, die Welt wäre sehr viel schöner.“*
Es braucht also Ruhe im Kopf für innere Klärung. Doch wo findet man im Lärm des Arbeitsalltages Ruhe?
Perspektivwechsel – stellen Sie sich auf den Tisch!
„I stand upon my desk to remind myself that we must constantly look at things in a different way.” Dieses Zitat aus „Der Club der toten Dichter“ ist zu einem Leitsatz moderner Führung geworden.
Perspektivwechsel sind kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit: Manchmal muss man den Standort wechseln, um klar zu sehen. Manchmal reichen dafür ein paar Minuten. Manchmal sind Monate nötig.
Egal wie lange, fest steht: Große wie kleine Entscheidungen profitieren von solchen Pausen. Nicht als Flucht, sondern als bewusste Unterbrechung. Gerade Führungspersonen sollten sie daher in Entscheidungsprozessen unternehmen: Reisen zum stillen Punkt.
Der stille Punkt
Jeder Mensch kennt ihn, oft intuitiv. Seinen stillen Punkt, der zunächst Ruhe, dann neue Kraft, Kreativität und vor allem Zugang zur eigenen Intuition gibt. Die beste Atmosphäre für den Geist entsteht selten im permanenten Operativmodus. Sie braucht Abstand. Pausen. Rückzug aus dem Tagesgeschäft. Ob für ein paar Minuten oder ein paar Monate. Stille Punkte, die bewusst entschleunigen und das Nervensystem entlasten.
Und für jeden ist dieser stille Punkt ein anderer, völlig individuell. Kathe-
dralen, Klöster oder Rituale wie eine Teezeremonie, die den Geist klären. Berge, Wälder, Seen – die Natur als Katalysator. Auch Farben können wirken.
Zitronengelb etwa steht für geistige Klarheit und Wachheit.
Oder es ist das Kunstwerk an der Bürowand. Oder auch ein inneres Bild, in das man gedanklich eintaucht. Und manchmal ist es ein Mensch, der diesen Raum eröffnet. Ein Gegenüber, das Präsenz hält und Ordnung ermöglicht. Jeder hat seine persönlichen stillen Punkte im Alltag und in der Ferne. Hier findet man den eigenen Kompass, die eigene Intuition (wieder).
Entscheidungen – surfen Sie die Welle, aber richtig!
Entscheidungsprozesse sind weniger Technik als Dramaturgie. Es geht um Gleichgewicht, Rhythmus und Energie. Wie beim Surfen: Die meisten stehen unpassend auf. Sie handeln wirr, bevor die Welle trägt. Aus Ungeduld. Aus Unruhe. In der Ruhe hören wir auf unsere Intuition. Intuition ist dabei kein spirituelles Extra, sondern ein hoch entwickeltes
Warn- und Orientierungssystem.
Jeder kennt dieses Gefühl: Man weiß, dass etwas schiefgehen wird – lange bevor es rational erklärbar ist. Haltung bedeutet, diesem Wissen zuzuhören. Und dann aus dieser Intuition heraus innerlich sowie äußerlich klar und ruhig die Entscheidung zu treffen, aufzustehen und die Welle zu surfen. Und am Ende gilt: Egal welche Entscheidung – Hauptsache klar. Unklare Entscheidungen wirken oft länger nach als falsche.
Wenn Szenarien kippen
Führung in 2026 entscheidet sich nicht an Strategien, sondern an Haltung.
Wenn Komplexität wächst, braucht es Menschen, die einen Rahmen geben, ohne einzuengen – und Entscheidungen treffen, ohne Druck zu erzeugen.
Es braucht beides: klare Rahmen und echte Flexibilität. Haltung in Führung heißt, innerlich aufrecht zu bleiben, auch wenn Entscheidungen unbequem sind. Präsenz zu zeigen, ohne zu dominieren. Beweglichkeit zuzulassen, ohne beliebig zu werden. Und den eigenen inneren Kompass so klar zu justieren, dass andere sich daran orientieren können – gerade dann, wenn Szenarien kippen.
Intuition & Haltung statt Inszenierung
Wenn ich heute an die Butteri in der Toskana zurückdenke, sehe ich vor
allem eines: Führung ohne Inszenierung. Keine großen Worte, keine Machtdemonstration. Stattdessen Ruhe, Aufrichtung und Klarheit. Die Tiere – sowohl die charakterstarken Pferde als auch die majestätischen Stiere – folgten nicht, weil sie gezwungen wurden, sondern weil Orientierung spürbar war. Die Butteri führten, indem sie den Rahmen hielten. Sie gaben Richtung vor, ohne zu ziehen. Sie korrigierten früh, ruhig und präzise. Führung entstand aus Intuition und Haltung. Denn ohne Haltung werden Entscheidungen zu Reflexen. Und Führung zu Lärm.
*Quelle: Berzbach, Frank (2019): Die Form der Schönheit. Berlin: Suhrkamp.