Jan Beutnagel
Viele Geschäftsleitungen sagen heute: „Wir finden niemanden mehr.“ Dieser Satz klingt nach einem Naturgesetz des Marktes und dient zugleich oft als Entlastung. Der Arbeitsmarkt ist jedoch selten vollständig leer. Er ist enger geworden, die Abläufe sind schneller, die Auswahlentscheidungen sind selektiver. Im Ergebnis zeigt er sehr deutlich, wie entscheidungsfähig und anschlussfähig ein Unternehmen tatsächlich ist – in Wachstumsphasen ebenso wie in Restrukturierungen mit Personalabbau. Fachkräfte stehen zur Verfügung und gehen dann häufig genau in dem Moment verloren, in dem sie bereits im Kontakt mit dem Unternehmen sind und ein klares Signal erwarten.
Wenn der Engpass im Kalender beginnt
Der Konferenzraum ist groß genug für die Bedeutung des Themas. Monatsrunde im Werk. Geschäftsführung, CFO, HR und Produktionsleitung sitzen wie immer zusammen. Auf der Agenda stehen die nächsten Wochen: Schichtpläne, Liefertermine, Qualitätsfragen, Rückmeldungen von Kunden. Die Runde arbeitet konzentriert, viele Themen wiederholen sich, man kennt
die Zahlen und die Präsentationen. In dieser Sitzung berichtet HR, dass zwei Kandidaten für eine zentrale Position gefunden wurden. Beide verfügen über die nötige Qualifikation, passen in die Organisation und sind verfügbar. Die Produktionsleitung reagiert mit spürbarer Erleichterung. Der CFO erkundigt sich nach Konditionen und möglichem Start. Dann folgt der Satz, der in vielen Unternehmen zum Wendepunkt wird: „Ich möchte die Kandidaten auch sehen. Wir legen Termine fest, sobald es bei mir möglich ist.“
Diese Möglichkeit entsteht nicht. Es stehen eine Beiratssitzung, ein wichtiger Kundenbesuch, Reisen und ein bereits geplanter Urlaub an. Zwischendurch müssen Kennzahlen zum Quartalsabschluss abgestimmt werden. Rund zwei Wochen später meldet HR, dass beide Kandidaten nicht mehr zur Verfügung stehen. Einer hat bei einem anderen Unternehmen unterschrieben. Der zweite hat sich ebenfalls für einen anderen Arbeitgeber entschieden, weil er dort schneller und verbindlicher eingebunden wurde.
Einige Zeit später spricht derselbe Entscheider auf einem Unternehmertag über den Mangel an Fachkräften. Er kritisiert politische Rahmenbedingungen, das Bildungssystem und vermeintliche Anspruchshaltungen. Die Argumente sind nicht frei erfunden. Die eigentliche Ursache für den Verlust der beiden Kandidaten lag in diesem Fall jedoch im eigenen Ablauf. Die entscheidende Frage lautet in solchen Situationen weniger, warum es keine Fachkräfte gibt, sondern warum ein Unternehmen sie verliert, wenn sie bereits vor ihm stehen. Engpässe entstehen häufig nicht bei der Ausschreibung oder der grundsätzlichen Verfügbarkeit, sondern im Weg der Entscheidung.
Executive Summary
Fachkräftemangel hat mehrere Ebenen. In Pflege- und Gesundheitsberufen, im Handwerk und im Berufskraftverkehr ist der Engpass strukturell belegt, unter anderem durch die Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit. Für Geschäftsführungen, Vorstände, Eigentümer, Banken und Private-Equity-Gesellschaften sind unbesetzte Schlüsselrollen zugleich ein Risiko für Ergebnis, Liquidität und Umsetzungskraft und damit ein zentrales Steuerungsthema.
In zahlreichen Industrieunternehmen ist weniger der Markt als der eigene Prozess das Nadelöhr. Stellen wären grundsätzlich besetzbar, gehen aber verloren, weil Entscheidungen zu spät fallen, Profile zu eng definiert sind und entscheidende Personen im Verfahren nicht verfügbar sind. Die demografische Entwicklung verstärkt diesen Druck: Prognosen gehen davon aus, dass 2035 etwa ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland 67 Jahre oder älter sein wird. Fachkräftesicherung wird damit zur Aufgabe der Gesamtführung und lässt sich nicht bei HR parken; entscheidend ist, wie intern priorisiert, entschieden und mit vorhandenen Potenzialen gearbeitet wird.
Ausbildung als Teil der Wertschöpfung
Wer langfristig genügend qualifizierte Fachkräfte haben möchte, muss die Wege dorthin mitgestalten. Die Ausbildungsmarktbilanz 2024/25 zeigt, dass Unternehmen weniger Ausbildungsstellen unbesetzt ließen als im Vorjahr, gleichzeitig aber zehntausende junge Menschen weiterhin ohne Ausbildungsplatz blieben. Das deutet auf Passungsprobleme hin: Angebot und Nachfrage treffen sich nicht in ausreichendem Maß.
In vielen Industriebetrieben ist Ausbildung noch nicht fest in die Wertschöpfung integriert. Sie läuft im Hintergrund, solange sie den laufenden Betrieb nicht stört. In dieser Logik werden Ausbildungsabteilungen schnell als Kostenfaktor wahrgenommen.
Die Folge sind oft unsichere Rahmenbedingungen für Auszubildende, unklare Anforderungen, wechselnde Ansprechpersonen und eine geringe Sichtbarkeit möglicher Karrierewege.
Dort, wo Ausbildung konsequent als Investition verstanden wird, zeigt sich ein anderes Bild. Klare Erwartungen, feste Bezugspersonen, strukturierte Lernpfade und ein geplanter Übergang in produktive Rollen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass junge Menschen bleiben und sich entwickeln. Angesichts des demografischen Wandels spricht vieles dafür, Ausbildung als strategischen Baustein der Fachkräftesicherung zu behandeln und nicht als Randaufgabe.
Bildung und wachsende Heterogenität
Viele Unternehmen beobachten, dass Bewerberinnen und Bewerber fachlich weniger sicher wirken als frühere Jahrgänge. Die Ergebnisse von PISA 2022 bestätigen eine Verschlechterung der Leistungen über viele Länder hinweg. Im Durchschnitt der OECD-Staaten sank die Punktzahl in Mathematik gegenüber 2018 um fast 15 Punkte, in Lesen um rund 10 Punkte. Die OECD spricht von einem außergewöhnlich starken Rückgang, der teilweise, aber nicht ausschließlich mit der Corona-Pandemie erklärt wird.
Unabhängig von der politischen Einordnung ergibt sich daraus eine praktische Konsequenz: Einstiegsniveaus werden heterogener. In einer Gruppe von neuen Mitarbeitenden können sowohl sehr gut vorbereitete als auch deutlich schwächer vorbereitete Personen sitzen. Je ungleicher die Ausgangspunkte, desto wichtiger wird es, die ersten Monate im Unternehmen bewusst zu strukturieren. Systematische Einarbeitung, nachvollziehbare Lernschritte und klare Rückmeldungen gewinnen an Bedeutung.
Unternehmen, die diese Prozesse verbindlich gestalten, können Leistungsunterschiede besser ausgleichen und die Produktivität neuer Mitarbeitender schneller aufbauen.
Wie Kandidaten im Prozess verloren gehen
In vielen Unternehmen beginnt der Verlust von Fachkräften bereits mit dem Anforderungsprofil. Eine Rolle wird als besonders kritisch eingestuft. Aus diesem Eindruck heraus entsteht der Wunsch nach größtmöglicher Absicherung. Statt eines klar umrissenen Aufgabenspektrums mit Muss- und Kann-Kriterien entsteht ein Profil, das mehrere Rollen in einer Person vereint. Kandidatinnen und Kandidaten, die in weiten Teilen passen, erscheinen vor diesem Hintergrund oft als Kompromiss.
Kommt es dennoch zu passenden Vorschlägen aus dem eigenen Haus oder von externen Partnern, verlagert sich das Risiko in den Ablauf. Gespräche finden verspätet statt, oder sie werden mehrfach verschoben. Rückmeldungen bleiben unklar oder werden in den Kalendern nach hinten geschoben. In einem Umfeld, in dem qualifizierte Fachkräfte mehrere Optionen haben, bewertet die andere Seite dieses Verhalten als Indikator für Entscheidungsqualität. Unternehmen, die im Auswahlprozess zügig und verbindlich kommunizieren, senden damit ein starkes Signal. Unternehmen, die sich Zeit lassen, senden ebenfalls ein Signal – nur ein anderes, kein positives.
Fachkräfte jenseits der 50 als Ressource
Parallel dazu übersehen viele Unternehmen eine Gruppe, die in angespannten Märkten an Bedeutung gewinnt. Bewerberinnen und Bewerber über 50 Jahre werden häufig früh aussortiert, obwohl sie noch viele Jahre arbeiten könnten. Bei einem Renteneintrittsalter von 67 Jahren bedeutet dies, dass ein
55-Jähriger noch etwa zwölf Jahre im Arbeitsleben steht. Das ist mehr Zeit, als viele jüngere Mitarbeitende heute in einem Unternehmen verbringen.
Studien und Erfahrungsberichte zeigen, dass in dieser Gruppe häufig hohe Loyalität, ausgeprägte Fachkenntnisse und eine realistische Einschätzung von Möglichkeiten und Grenzen zusammenkommen. Diese Kombination kann in Transformationen und Krisen einen stabilisierenden Effekt haben. Wenn Unternehmen Ü55 systematisch aus den Auswahlprozessen herausnehmen, verengen sie ihren eigenen Markt künstlich. Eine bewusste Einbindung erfahrener Fachkräfte, zum Beispiel in gemischten Teams oder in Rollen mit Mentoring-Anteil, kann dagegen Produktivität und Wissensweitergabe stärken.
Fachkräfte in Sondersituationen halten
Restrukturierungen, Sanierungen und große Veränderungsprogramme sind Situationen, in denen die Substanz einer Organisation sichtbar wird. Menschen mit Schlüsselkompetenzen verlassen ein Unternehmen selten ausschließlich wegen schlechter Kennzahlen. Häufiger gehen sie, weil sie die Perspektive verlieren: Pläne sind unklar, Entscheidungen werden verschoben, Informationen sind bruchstückhaft. Für Kapitalgeber, Banken und Eigentümer ist dies ein wesentlicher Risikofaktor.
Wenn wichtige Rollen während eines Programms unbesetzt bleiben oder neu besetzt werden müssen, steigt die Wahrscheinlichkeit von Verzögerungen und Fehlentscheidungen. Die Bindung von Fachkräften und Potenzialträgern ist damit Teil eines nüchternen Risikomanagements. Dazu gehören transparente Entscheidungsprozesse, eine verständliche Kommunikation über Ziele und Maßnahmen sowie die klare Benennung von Schlüsselpersonen, die für die Umsetzung gebraucht werden.
Was die Führung jetzt umstellen muss
Der Weg aus dem gefühlten Mangel führt nicht über ein weiteres Schlagwort, sondern über konsequentes Handeln im Alltag. Schlüsselrollen sollten im Kalender von Geschäftsführung und Bereichsleitung sichtbar sein. Das bedeutet, dass für Kandidatenvorschläge feste Zeitslots existieren und Entscheidungen innerhalb eines definierten Rahmens getroffen werden. Profile sollten so formuliert sein, dass sie unverzichtbare Anforderungen klar benennen und Lernfelder offen lassen. Damit erhöht sich die Chance, geeignete Menschen zu finden und weiterzuentwickeln, statt auf eine Idealbesetzung zu warten.
Ein praxisnahes Beispiel: Sobald HR oder ein externer Partner zwei bis drei geeignete Personen für eine wichtige Position vorschlägt, nimmt sich die Geschäftsleitung noch am selben Tag Zeit für eine strukturierte Durchsicht. In diesem Gespräch werden konkrete Interviewtermine festgelegt, die nicht nachrangig behandelt werden, sondern denselben Stellenwert wie Kundentermine oder Gremiensitzungen haben. Rückmeldungen erfolgen innerhalb weniger Tage, schriftlich oder persönlich, mit einer klaren Aussage zu nächstem Schritt, Aufgabenrahmen und den ersten Monaten im Unternehmen.
Bewerberinnen und Bewerber erleben in dieser Form der Zusammenarbeit ein Unternehmen, das Entscheidungsfähigkeit zeigt. In einem Markt, in dem Fachkräfte mehrere Optionen haben, ist dies ein wesentliches Kriterium. Parallel dazu endet der Prozess nicht mit dem unterschriebenen Vertrag. Kontakt in der Phase zwischen Zusage und Eintritt, ein strukturiertes Onboarding und eine geplante Begleitung in den ersten Monaten tragen dazu bei, dass Menschen bleiben und produktiv werden.
Denn die demografische Entwicklung wird die Arbeitsmarktlage weiter anspannen. Unternehmen, die ihre internen Abläufe nicht anpassen, werden in Zukunft nicht nur weniger Bewerbungen haben, sondern auch häufiger erleben, dass Projekte ins Stocken geraten. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Ist die Organisation in der Lage, bei Fachkräften so zu entscheiden, wie sie es bei Kunden, Investitionen und strategischen Themen bereits tut – klar, zeitnah und nachvollziehbar?