Was Mauretanien Interim Managern und Führungskräften zeigt

Wie ein Wüstenstaat Top‑Manager und Interim‑Führungskräfte an ihre eigenen Grenzen bringt – und warum echtes Zuhören und Empathie oft mehr verändern als jede ausgefeilte Strategie.

Ein Reisebericht von einem Interim Manager für Interim Manager und Führungskräfte

Mauretanien. Es gibt Reisen, die man unternimmt, um Märkte zu analysieren, Geschäftspartner zu treffen oder Prozesse zu optimieren. Und dann gibt es Reisen, die alles umdrehen, die einen die eigenen Grenzen spüren lassen, die Kontrolle über die Realität in Frage stellen und die Definition von Führung und Selbstkontrolle neu schreiben. Meine zweimonatige Reise durch Mauretanien, von den pulsierenden Straßen Nouakchotts bis zu den abgelegenen Wüsten- und Savannenregionen im Süden, war genau das: eine brutale, ehrliche Schule der Demut.

Als Interim Manager ist man es gewohnt, Fäden zu ziehen, Budgets zu kontrollieren, Strategien zu korrigieren und die Richtung vorzugeben. Erfahrung, Fachwissen und klare Ziele vermitteln ein Gefühl von Unaufhaltsamkeit. Doch Mauretaniens Wüste lehrt eine andere Logik: Sie verneint Illusionen von Kontrolle. Sie zwingt dich dazu, deine Grenzen zu erkennen. Brutal und unerbittlich. Demut bedeutet hier nicht Schwäche, sondern die Fähigkeit, die Realität zu akzeptieren, roh, ungeschönt, unbestechlich.

Schon in Nouakchott, wo wohlhabende Unternehmer neben Armut residieren und die Business-Zentren der Hauptstadt pulsieren, zeigte sich mir die erste Lektion. Glänzende Hotels, teure Autos, Netzwerke und Macht, und dennoch begegneten mir Menschen mit einer Gelassenheit, die europäische Vorstandszimmer selten kennen. Erfolg wird nicht allein an Status gemessen, sondern daran, wie man anderen Menschen begegnet: respektvoll, ohne die eigene Überlegenheit zu demonstrieren. Geschäftsleute, die ihren Erfolg mit den nicht privilegierten Menschen teilen konnten, konnte ich häufig beobachten. In Europa selten zu sehen.

Doch es war nicht der Glanz der Stadt, der mich demütig machte. Es waren die abgelegenen Wüstenregionen, die Dörfer jenseits der Sanddünen, wo das Leben hart und ungeschönt ist. 4 Tage lang Sand, ohne ein einziges Auto zu sehen. Dort gibt es keine Management-Reports, keine PowerPoint-Präsentationen, keine KPI-Boards. Nur Menschen, die mit Sand, Sonne, Wind und Mangel, mit Wasserknappheit und Isolation ringen und dennoch immer ein Lächeln im Gesicht haben und Geschichten erzählen, die interessanter sind als jeder Unternehmensleitfaden. Sie leben ohne Corporate-Backup, ohne stabile Systeme, und doch besitzen sie eine innere Stärke, die jeden Manager alt aussehen lässt.

Ich erinnere mich an einen Tag in einem kleinen Dorf, das nur über staubige Pisten erreichbar war. Ein 4-Tagestrip durch Weichsand und unendliche Ebenen. Mein Auto musste ich an seine Grenzen bringen, um über einen sandigen Pass zu gelangen. Wir hatten Wasser und Lebensmittel mitgebracht, um zu helfen – vielleicht ein wenig „Business-Networking Light“. Doch die Menschen gaben uns nicht nur Gastfreundschaft – sie nahmen mir etwas ab, was ich nicht kommen sah: die Illusion von Allwissenheit und Kontrolle. Sie verlangten keine Gegenleistung, sie fürchteten keine Fehler, sie lebten schlicht. Ich wurde gezwungen, meine eigene Arroganz zu erkennen, mein Bedürfnis, zu managen, zu optimieren, zu dominieren. Die Wüste lehrte mich, dass wahre Führung nicht in der Kontrolle liegt, sondern im Zuhören, im Beobachten und im Respektieren von Kräften, die man nicht ändern kann.

Für den Interim Manager ist diese Lektion schmerzhaft, aber gleichzeitig besonders wertvoll. In der Corporate-Welt ist es leicht, sich zu überschätzen: „Ich weiß, wie alles läuft“, „Ich habe die Lösungen“, „Ich kann jedes System optimieren.“ Doch die Realität, wie sie mir in Mauretanien begegnete, ist radikaler: Du bist nicht der Mittelpunkt. Du bist ein Beobachter. Du bist ein Lernender und wirst als Freund gesehen. Die Menschen dort, sowohl in den Städten mit extremen Kontrasten als auch in den abgelegenen Dörfern, haben mir gezeigt, dass Erfolg im Business nicht nur von Fachwissen abhängt, sondern auch von der Fähigkeit, die eigenen Grenzen anzuerkennen und dennoch handlungsfähig zu bleiben.

Demut ist kein passiver Zustand. Sie ist eine aktive Form der Stärke. Entscheidungen treffen, auch wenn man nicht alle Variablen kennt. Verantwortung zu übernehmen, ohne die Illusion der Kontrolle. Andere Menschen wirklich zu sehen, ihre Ressourcen, Bedürfnisse und Würde zu erkennen und daraus zu handeln. Mauretanien lehrt, dass Demut das Fundament nachhaltiger Führung ist.
Diese Lektion gilt für jede Ebene eines Unternehmens: als Interim Manager von Teams, Projekten, Unternehmen oder Abteilungen. Wer demütig ist, erkennt, dass Fehler unvermeidlich sind, dass Systeme komplexer sind als das eigene Ego und dass die größten Impulse oft von unerwarteten Quellen kommen, manchmal von einem Dorfältesten in der Wüste, manchmal von einem jungen Kollegen im Meetingraum. Wer Demut lernt, führt effizienter und menschlicher. Er hört zu, ohne zu dominieren. Er handelt, ohne die Illusion zu haben, alles vorhersehen zu können.
Ich kann jedem, der Verantwortung trägt, sei es als Führungskraft oder als Reisender, nur empfehlen, nach Mauretanien zu reisen. Aber nicht nur die Hauptstadt zu besuchen, die leicht mit dem Flugzeug erreichbar ist. Man sollte sich mehrere Tage oder Wochen in einem robusten Pick-up in die Wüste wagen, die abgelegenen Dörfer besuchen und die Hochplateaus erklimmen. Dort lernt man weit mehr als nur Demut. Man erlebt Gastfreundschaft, die ihresgleichen sucht, und begegnet Menschen, die trotz oder gerade wegen ihrer Armut eine Wärme ausstrahlen, die jede Geschäftsstrategie in den Schatten stellt. Zurück bleibt ein unvergessliches Erlebnis mit den freundlichsten und offenherzigsten Menschen, die ich je getroffen habe.
Der Tourismus in Mauretanien ist noch völlig unterentwickelt – ein Abenteuer, das man fast allein für sich erleben kann. Wie mir ein Mitarbeiter des Premierministers mitteilte, zählen jährlich rund 3.000 Franzosen und ein paar hundert weitere Europäer als Touristen. Die Infrastruktur ist noch rudimentär, aber genau das macht die Reise authentisch und intensiv. Wer hierher kommt, erlebt nicht nur Landschaft und Kultur, sondern auch eine Schule des Lebens, die keine PowerPoint lehren kann. Aber für Europäer vielleicht auch ein kleiner Kulturschock.
Meine Zeit in Mauretanien, zwei Monate und mehrere tausend Kilometer, hat mich „geleert“, im besten Sinn: Stolz, Selbstsicherheit, Eitelkeit fielen von mir ab. Was blieb, war Klarheit: die Fähigkeit zuzuhören, zu lernen, anzuerkennen und zu handeln. Wer diese Lektion annimmt, wird nicht nur ein besserer Interim Manager, sondern ein Mensch, der versteht, dass Führung mehr bedeutet als Dominanz; sie bedeutet Demut.

Zum Abschluss bleibt ein Bild, das sich tief ins Gedächtnis einprägt: die endlosen Sanddünen, die majestätischen Felsen, die staubigen Pisten. Sie verschlingen Stolz, Macht und Illusionen. Wer durch sie reist, kehrt nicht als der Gleiche zurück. Wer zuhört, die eigene Begrenztheit akzeptiert und die Menschen wirklich sieht, kehrt zurück, bereit, zu führen, mit Demut als Kompass.
Mauretanien – das Land, in dem du an jedem Polizeicheckpoint mit Handschlag begrüßt und nach dem Namen deines Hundes gefragt wirst. •••

Bild von Jürgen W. Schmidt

Jürgen W. Schmidt

ist ein erfahrener Interim Manager und Führungspersönlichkeit mit mehr als 22 Jahren Erfahrung in der Unternehmenssanierung, Restrukturierung und Krisenbewältigung. Seine Expertise umfasst die schnelle Entscheidungsfindung in hochkomplexen Situationen, insbesondere in Bereichen, in denen schnelle und unpopuläre Entscheidungen über den Erfolg oder das Scheitern eines Unternehmens entscheiden. Mit einer zwölfjährigen Militärausbildung im Hintergrund bringt Schmidt einzigartige Fähigkeiten mit, die ihm in der Geschäftswelt wie auch in Extremsituationen zugutekommen: Ruhe unter Druck, strategisches Denken und die Fähigkeit, Risiken realistisch einzuschätzen. Seine Arbeit ist geprägt von einem unerschütterlichen Fokus auf Ergebnisse, gepaart mit einer tiefen Reflexion über Verantwortung und persönliche Werte.

www.juergen-schmidt.com www.overland-4x4.de
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