Warum Entscheider das ‚Sowohl-als-auch‘ bedenken müssen

Komplexe Führungssituationen lassen sich 2026 nur selten in einfache Entweder-oder-Entscheidungen pressen. Warum Entscheider das ‚Sowohl-als-auch‘ aushalten müssen.

Macht muss auf den Prüfstand.

Schrödingers Katze im Boardroom

Kennen Sie das berühmte Gedankenexperiment von Erwin Schrödinger?
Eine Katze sitzt in einer Kiste, und in der Kiste ist ein Mechanismus montiert, der die Katze mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent tötet oder am Leben lässt. Solange wir die Kiste von außen nicht öffnen, ist die Katze also beides: gleichzeitig tot und lebendig.

In der Physik nennt man dieses Phänomen Superposition, das den Management-Alltag des Jahres 2026 perfekt beschreibt: Wenn ich heute mit Vorständen arbeite, mutiert jede anstehende Entscheidung zu einer solchen „Kiste“.

Ob neues Geschäftsmodell, Reorganisation, radikale M&A-Entscheidung oder der Ausstieg aus einer fossilen Technologie: Bereits die Simulation zeigt bei jedem dieser Projekte simultan den zukunftssichernden Entschluss UND den inhärenten katastrophalen Fehlschlag.

Die auf Effizienz angelegte alte Managementlehre gab uns Methoden an die Hand, den Ausgang der Situation zum Vorteil zu rechnen, unabhängig von Leben oder Tod der Katze. Aber in der Ära von VUKA bzw. BANI ist die Kiste bereits offen, bevor wir passend zur Komplexität der Situation eine Methodenwahl getroffen haben.

Und eben hier besteht der dringlichste Anpassungsbedarf: Wir müssen verstehen, dass Ungewissheit kein Fehler im System ist, sondern dessen wichtigste Eigenschaft.

Was einen Paradigmenwechsel wie den zum solarzentrischen Weltbild bedeutet: Das Ende der linearen Entscheidung ist da, was auch in sich stimmige Kausalprognosen einschließt. Auch mangelt es in den Top-Etagen noch immer an Konsequenz-Kompetenz, also an der Fähigkeit, die multiple Tragweite einer Entscheidung vorab rational zu erfassen. Einfach gesagt: Wer heute noch darauf wartet, dass alle Daten bzgl. nur einer Option und dazu noch zu 100 % auf Grün stehen, der verwaltet nur noch den Rückstand eines bereits verstorbenen Modells.

Wir dürfen nicht danach streben, Methodenverwalter oder bessere Taschenrechner zu werden – aber genau das passiert

In meiner Beratungspraxis beobachte ich eine gefährliche, jedoch absehbare Tendenz: Viele Führungskräfte versuchen, die Katze durch theoretisches Know-how oder Technik zu retten, sprich: Das Problem wird aus vermeintlich sicherer Position durch bekannte Management-Lehren gekämmt, radikal auf Pro-Contra-Listen eingedämmt und dann in Entscheidung, ja sogar Beurteilung an die Agentic AI delegiert.

Die Hoffnung dahinter ist menschlich: Wenn die AI/KI die Entscheidung trifft, trägt sie auch die Verantwortung. Tatsächlich wollen neun von 10 Personal- und Führungsverantwortlichen ihren Entscheidungsrahmen gar nicht ausnutzen. Bereits in der nicht kalkulierbaren Dynamik des Führungsalltags lässt der Dreiklang aus

  • Angst vor beruflichen Konsequenzen,
  • lähmender Überforderung bereits in Selbstführung und Haltung sowie
  • Perfektionismus und Nullfehler-Diktat

dass Führungskräfte zunehmend in passiver Entscheidungslosigkeit verharren. Die Dynamik ist inzwischen in allen Organisationen anzutreffen: Prozesse geraten durch die Sorge, die „optimale“ Alternative zu verpassen (FOMO/FOBO = Fear of Missing Out a Better Option), und Mitarbeitende klagen dann über permanentes Abwarten statt aktiver Gestaltung.

Hand aufs Herz: Der Einsatz Künstlicher Intelligenz optimiert, beschleunigt radikal und mit emotionsloser Objektivität. Sie kann uns sagen, wie wir die Kiste am effizientesten bauen, aber sie kennt unsere Motive, Bedürfnisse und Vorgeschichte nicht: KI kann uns nicht sagen, warum wir die Katze überhaupt in der Kiste platziert haben.

Wie kann der menschliche Entscheidungsprozess also aussehen, wenn er in komplexen Situationen greifen und gemeinsam mit der KI reifen soll?

Über die bereits angesprochene Fehler-Toleranz und auch Konsequenz-Kompetenz sprechen viele Firmen – obgleich die Resultate noch ausbaufähig sind. Echter strategischer Vorsprung würde jedoch da entstehen, wo wir in unserer menschlichen Intuition sowie in unserer Haltung dazu wieder den wirklichen Informationsquell erkennen, der sie sind: nämlich die höchste und ausgeprägteste Form der Mustererkennung.

In a nutshell: Intuition ist kein esoterisches Bauchgefühl. Auch keine durch Feinfühligkeit erspürte Eingabe. Es ist die Fähigkeit, die Ebene hinter den eindimensionalen Logik-Ketten zu erreichen, die Algorithmen hinterlassen. In einer Welt, in der alle Marktbegleiter zeitgleich Zugriff auf die gleiche Quanten-Rechenpower haben, werden Intuition, Absicht und Haltung des Entscheiders zur spezifischen Differenz, zum Alleinstellungsmerkmal. Der Mensch ist also aufgefordert, weder in Wettbewerb mit der Maschine noch gegen sie anzutreten.

Biblisch gesprochen heißt die neue Aufgabe des Menschen, sich die algorithmische Präzision der KI untertan zu machen, sie voranzutreiben und zugleich mit Zuversicht zur menschlichen Unvollkommenheit zu stehen.

Best Practice / Ein Weckruf aus der Logik:
Effizienz ist nicht alles

Systemsichernde Sektoren wie Mobilität und Logistik leiden wie kaum andere unter dem Effizienzdruck der letzten Jahrzehnte. In Deutschland wurde „Just-in-Time“ zur Perfektion getrieben, das System so lange ausgepresst, bis kein Puffer mehr übrig war.

Die Katze war in unserer Planung immer lebendig, solange eine Kette den Deckel zuhielt. Aber das funktioniert nicht mehr. International ist der Kurswechsel längst sichtbar: In Singapur und im nordamerikanischen Tech-Hubs gilt Effizienz ohne Resilienz im KI-Zeitalter als Hochrisikostrategie. Also nutzt man die Rechenpower dort nicht, um den letzten Cent zu sparen, sondern um die Kosten der Redundanz zu ermitteln.

Ich erinnere mich an einen Klienten aus dem Mittelstand, der fassungslos war, als ich ihm vorschlug, IT-Kapazitäten aufzubauen, die in seinen Augen „unwirtschaftlich“ waren. Wie wir alle war auch er gefangen in der binären Logik: Gewinn versus Verlust. Erst als wir das Szenario der Superposition einnahmen – was passiert, wenn die Produktion blockiert und gleichzeitig die Nachfrage explodiert? Und/oder neue Transportwege hermüssen? – begriff er: Die stets zitternde Unwirtschaftlichkeit ist eine gängige Versicherungspolice. Führung ist ‚Entscheiden trotz Zweifel und Angst‘. Bedeutet: Wir müssen den Mut haben, in Optionen zu investieren, die sich in einer Excel-Tabelle niemals „rechnen“ würden.

Wie Intuition und Haltung als Entscheidungs-Kompass wirken: Status-Check-up!

Bei zunehmender Komplexität kann die KI also durch effiziente Handhabe und Reduktion von Informationen sowie Auswertung von Alternativen helfen. Für unsere eigene Position und Haltung indes brauchen wir Ankerpunkte, um die Angst vor Konsequenzen und deren Kommunikation in den Griff zu bekommen. Quasi als Check-in stelle ich meinen Klienten in kritischen Momenten folgende Fragen:

Die Superpositions-Prüfung: Verfolge ich dieses Projekt (oder Produkt/Kunden) nur deshalb, weil ich Angst vor der Alternative habe? Was wäre, wenn das Gegenteil meiner Annahme ebenfalls zutrifft? Wie gehe ich mit dieser Ambiguität um?

Der Bequemlichkeitsfaktor: Nutze ich die KI als Werkzeug oder als Schutzschild gegen die eigene Verantwortung? Was verursacht bei mir FOMO/FOBO?

Maß an Flexibilität: Ist diese Entscheidung ein Einbahnstraßenschild, ein
Kreisverkehr, ein Zubringer oder eine Sackgasse? Wie agil kann ich reagieren,
wenn die Katze in der Kiste morgen ein anderes Gesicht zeigt? Welche anderen Überraschungen wären denkbar?

Die Persönlichkeitsprobe: Würde ich diese Entscheidung auch dann vor meinem Lebenspartner rechtfertigen, wenn die Rendite ausbliebe? Vor meinen Kindern, wenn sie zur Umweltverschmutzung beiträgt?

Der 60-Sekunden-Test: Kann ich den Kern meines Tuns so einfach erklären, dass er Vertrauen schafft, oder verstecke ich mich hinter technokratischen Fachbegriffen? Würde ich den Test vor einem 5-Jährigen wagen?

Voraussetzung ist eine Ethik des Loslassens.
Am Beispiel ESG: Das „falsche Alte“ beerdigen

Entgegen ihrem Handeln, gefühlter und tatsächlicher Handlungsmöglichkeiten, hält das Thema ESG viele Führungskräfte nachts wach. Mehr als 70 % glauben, die Zeit sei vorbei, in der Nachhaltigkeit als kosmetische Korrektur am Rande des Geschäftsberichts abgehakt werden konnte.

Im Jahr 2026 ist es mit ein bisschen Optimierung und Grünpinselei nicht mehr getan. Echte Transformation verlangt eine Ethik des Loslassens. Bedeutet das, „falsche Alte“ radikal zu beerdigen? In Deutschland zelebrieren wir die Nostalgie zu unseren historischen Erfolgsmodellen.

Und je länger wir an Prozessen hängen, die uns mithilfe des Auslandes zur Zeit des Wirtschaftswunders groß gemacht haben, desto verhängnisvoller sind die Folgen des Trennungsschmerzes.

Im Buddhismus formuliert man ebenso einfach wie treffend: Man kann ein brennendes Haus nicht renovieren. Man muss es löschen und neu bauen. Das erfordert Klarheit und Haltung gegen sich und eigene Erfolge der Vergangenheit.

Je größer die Noch-Identifikation, desto schmerzhafter. Aber genau hier liegt der Appell an Gleichmut, also moralische Integrität der Führung: zu entscheiden, was wir nicht mehr tun, wovon wir uns lösen müssen. Noch vor jeder Neuausrichtung ist dies die wichtigste Entscheidung.

Zukunftsbild: Wir werden zu Gestaltern der Unschärfe

Die neue durch Komplexität, Volatilität und Ambiguität gezeichnete Ära ist also kein Aufruf zum „Anything goes 2“, keine Hymne an den Kontrollverlust, sondern ein Appell: Ich möchte Sie einladen, Freiheit und zugleich die mit ihr einhergehenden Verantwortlichkeiten zu denken. Alte Bilder vom Steuermann und Kapitän, vom Herrscher über die Maschinen, funktionieren nicht mehr, wir müssen unsere „Omnipotenz-Fantasie“ aufgeben. Positiv ausgedrückt: Wer mächtig sein will, denkt mit anderen in widersprüchlichen Möglichkeiten.

Wie wäre es, die Kiste auch mal offenstehenzulassen, ohne sofort hineinzuschauen, ohne sie sofort zu „managen“? Am Ende des Tages machen die Algorithmen nicht den Unterschied, sondern Ihre intuitive Bereitschaft und Haltung, die Katze trotz ihres ungewissen Zustands als Katze zu sehen, bestenfalls zu lieben.

Die Zukunft gehört denen, die keine Angst vor der Superposition haben. Fangen wir an. •

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