Digitalisierung scheitert an Angst, Fehlannahmen und fehlender Kultur

Digitalisierung scheitert selten an Technik, sondern an Angst, Fehlannahmen und fehlender Kultur. Anke Sommer zeigt, wie Führung durch Transparenz, Beziehungsarbeit und klare Kommunikation Widerstand in einen echten WIN-WIN-Effekt verwandelt.

Führungskräfte müssen heute DIE Brücke zwischen Technologie und Menschen sein, damit Digitalisierung nicht über sie hinwegrollt, sondern in der gelebten Unternehmenskultur als Entlastung und Chance ankommt.

Die stille Gefahr hinter der Digitalisierung – wenn Technik schneller wächst als die Kultur im Unternehmen.

Wie kommt es, dass Mitarbeitende einer Organisation Feuer und Flamme sind, wenn die digitale Unterstützung wächst, ein anderes Unternehmen hingegen mit viel Widerstand kämpfen muss, sollte eine Modernisierung
vorgesehen sein?

Feindseligkeit gegen Modernisierungs- und Digitalisierungsmaßnahmen hat in der Regel eine Geschichte. Wenn Unternehmen digitalisieren, ohne die Menschen genügend mit hineinzunehmen, kommt es zu Gegenreaktionen. Neben Widerstand treten Unsicherheit, Rückzug und Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes auf. In Summe machen diese Emotionen auf Dauer aggressiv und fördern die Passivität.

Aggression stört immer auch die Produktivität und lässt die Loyalität dem Unternehmen gegenüber sinken. So entsteht eine Gefahr, die anscheinend von Digitalisierungsprozessen ausgeht, vielmehr aber durch einen fehlenden kulturellen Übersetzungsprozess ausgelöst wird.

Merken Sie sich also: Zuerst braucht es eine Erklärung von Nutzen, Auswirkung und Sinn der Neuerung, danach kann die Modernisierung im Unternehmen umgesetzt werden und nachhaltig sowie positiv wirken.

Erkennen Sie Fehlannahmen

Was ist eigentlich eine organisatorische Kulturarbeit, aus systemischer Sicht gesehen? Ich pflege hier einen Meta-Blick auf alles zu werfen. Kulturen setzen sich grundlegend aus Gedanken, Lebensprozessen und Loyalitäten zusammen. In diesem Zusammenhang habe ich einen entscheidenden Ursache-Wirkungs-Kreislauf entdeckt, der Ihnen als Führungskraft und Unternehmer*in das Leben schwer machen wird, bleibt er unentdeckt.

Je mehr Fehlannahmen vorliegen, desto unwahrscheinlicher werden wirksame und ökonomisch sinnvolle Digitalisierungsmaßnahmen; die Folgen sehen Sie in Verzögerungen und Boykottverhalten.


Vier typische Fehlannahmen zur Technisierung

  • Digitalisierung spart Arbeitsplätze ein. Diese verkürzte Sichtweise produziert Angst und entsteht, wenn Aufklärung fehlt sowie gegenseitige Verantwortungsübernahme in der Spitze des Unternehmens keine Relevanz hat.
  • Fehlannahme Nummer 2 lautet: Digitalisierung ist ein IT-Thema. Systemisch gesehen ist Digitalisierung aber ein klares Führungs- und Kulturthema.
  • Die Nummer 3 der falschen Annahmen heißt: „Unsere Mitarbeitenden müssen hier einfach mitziehen.“ Mit dieser Haltung entsteht eine Frontenbildung, die den Rückzug guter Arbeitskräfte zur Folge hat.
  • Der 4. Irrtum verbirgt sich hinter der Annahme: Je schneller die Digitalisierung durchgesetzt wird, desto besser ist es.

Geschwindigkeit ist gut, aber wenn die Orientierung fehlt, wird die Organisation lediglich destabilisiert.

Der systemische Gedanke der SOMMER-Methode © 2011 bringt es auf den Punkt: Jedes System braucht Zeit zur Integration von Veränderung und nicht nur eine Timeline zur Umsetzung der technologischen Veränderung.

Hier tarnt sich Angst als
Verweigerung

Als systemische Unternehmensberaterin begegne ich Ängsten im Allgemeinen von der Seite der Soziologie. Soziologisch gesehen sind sie Verursacher von vielschichtig wirksamen Störungen sowie Blockaden und verhindern reibungslose Abläufe. Sie erschweren; sie verkomplizieren einfache Abläufe bis hin zur Nichtmachbarkeit und machen den Träger nach und nach merkwürdig. Ängste sind Verzerrer und machen auf Dauer auch Organisationen „krank“. Angesichts dessen sind sie ein Problem, dem sich die Führungsebene annehmen sollte.

Schauen Sie deshalb hinter die Kulisse von angeblichen Verweigerungsaus-
drücken wie: „Das mache ich nicht mehr. Was soll der Nonsens? Das lerne ich ohnehin nicht mehr …“.

Welche Ängste sollten Sie angehen, damit Ihr Digitalisierungsvorhaben als WIN-WIN umgesetzt werden kann?

Horchen Sie auf, wenn bei Ihnen die Angst vor Kompetenzverlust, vor Bedeutungs- und Arbeitsplatzverlust sowie vor dem Ersetztwerden auftaucht.

Bei vornehmlich älteren Mitarbeitenden taucht sie als Angst auf, den Anschluss zu verlieren. Diese Form der Angst ist also keine Verweigerung, sondern ein Signal für fehlende Führungskommunikation.

Werden Sie zum Übersetzer,
statt zum Antreiber

Transparenz senkt Angst stärker, als es jedes Schulungstool schafft. Für Sie als Führungsverantwortlichen bedeutet das, dass Sie ein Sprachrohr zwischen Technik und dem Menschen im Unternehmen werden. Sie schaffen Transparenz, indem Sie mit der Beantwortung von für Sie interessanten Schlüsselfragen die Ängste im Hintergrund auflösen.

Die zu beantwortenden Schlüsselfragen lauten beispielsweise: Warum wird digitalisiert? Was verändert sich und was bleibt? Welche Rolle habe „ich“ zukünftig, wenn „mich“ die Digitalisierung trifft?

Lassen Sie sich bei der Entwicklung und der Beantwortung solcher Schlüsselfragen durch externe und systemisch orientierte Unterstützung begleiten. Die Findung Ihrer Schlüsselfragen ist organisatorisch relevant und je nach Historie Ihres Unternehmens unterschiedlich. Die für Sie richtigen Schlüsselfragen betreffen die Schwachstellen Ihres Unternehmens und beziehen die Entwicklungsgeschichte mit ein. Denn schwerwiegende Störungen zeigen sich heute, haben aber ihren Ursprung in der Vergangenheit.

Schenken Sie diesem Prozess eine besondere Bedeutung, dankt es Ihnen Ihr Ergebnis. Denn Digitalisierung braucht Beziehungsarbeit und nicht nur Durchführungspläne.

Wie wird Ihre Kultur zum gelebten Integrationsraum?

Zunächst einmal machen Sie sich bewusst, dass Ihre Kommunikationskultur entscheidet, ob Technik als Bedrohung oder als Chance wahrgenommen wird. Tragfähig wird sie, wenn Unsicherheiten offen ausgesprochen werden, Fragen und Zweifel einen klar definierten Raum erhalten, Kompetenzen geehrt werden sowie Mitgestaltung ausdrücklich erwünscht ist.

Merke: Digitalisierungsprozesse niemals überstülpen, sondern durch Beziehungsarbeit integrieren. Denn Veränderungsprozesse ohne Beziehungsarbeit erzeugen Widerstand, wogegen Veränderung in Beziehung Beteiligung und Interesse auslösen.

Erschaffen Sie sich ein Denkmodell, bevor Sie loslegen

Welche Art von Unternehmen haben Sie? Was ist das Ziel Ihrer Digitalisierung? Kommunizieren Sie alle Prozesse immer im Voraus. Die besten Erfahrungen habe ich mit einem Zeitraum von etwa 6 Monaten gemacht.

Integrieren Sie Mitarbeiter*innen, die Lust auf Digitalisierung und Erleichterung durch Technisierung haben. Lassen Sie die Prozesse dort, wo es möglich ist, mitgestalten. Begrenzen Sie aber Diskussionen, wenn Ihr unternehmerisches Ziel schon festliegt. Zwingen Sie keinen zum Fortschritt, sondern überzeugen Sie durch Heranführung. Werden Sie zum Innovationsunternehmen. Lassen Sie den Spaß an der Arbeit an die erste Position.

Merke: Nicht die Technik ist der Erfolgsfaktor, sondern die Haltung zur Führung des Unternehmens.

Wie Sie der Kommunikation
Gehalt verleihen

Kaum etwas wiegt schwerer als ein Vertrauensverlust. Deshalb noch ein Tipp: Digitalisierung ist nur dann eine Chance, wenn Sie es schaffen, die Grenzen abzubauen. Dafür ist es entscheidend, dass jeder Voraussage auch eine messbare Verbesserung folgt. Digitalisierung kann Routinearbeiten reduzieren, Kreativität Raum geben, Wissen sichern und Zusammenarbeit über Grenzen hinaus möglich machen.

Wenn Sie hier Ihr Wort halten, dann wächst die Sicherheit auf allen Seiten. Sowohl bei den Kollegen als auch in der Führung. Letztendlich ermöglicht diese Sicherheit dann auch die Weiterentwicklung Ihrer Organisation. Digitalisierung darf einem Selbstzweck dienen, wenn sie durch ein Entwicklungsinstrument kulturell eingebettet wurde und einen WIN-WIN erzeugt.

In meinen Augen wird Digitalisierung getragen, wenn die Führung Verantwortung für Technik und Mensch übernimmt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen erfreulichen Digitalisierungsprozess. •

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